Die Wissenschaft
hinter dem Hype
Vom Labor in den Latte: Warum Kollagen biologisch keinen Schnellweg kennt
Kollagen ist zu einem Zauberwort geworden. Es taucht in Pflegecremes, Proteinshakes und sogar Gummibärchen auf – immer mit demselben Versprechen: „jünger aussehen, straffere Haut, gesündere Gelenke.“ Was einst nur Biochemikern bekannt war, wird heute mit Lifestyle-Vokabular vermarktet. Das wäre nicht weiter schlimm, wenn hinter der hübschen Verpackung mehr stecken würde als Hoffnung.
Ich arbeite seit zwanzig Jahren in der Molekularbiologie und der Unterschied zwischen plausibel klingend und nachweislich wirksam beschäftigt mich täglich. Das Problem: Kollagen klingt wissenschaftlich sauber, ist aber biochemisch trügerisch einfach.
Was Kollagen eigentlich ist
Kollagen ist kein Zusatz, den der Körper bequem auffüllt wie Öl im Motor. Es ist ein komplexes Strukturprotein, das aus drei spiralig gewundenen Ketten besteht und unserem Gewebe Festigkeit verleiht. Etwa ein Drittel aller körpereigenen Proteine besteht aus Kollagen. Wir tragen es in Haut, Knochen, Sehnen und sogar in der Hornhaut unserer Augen. Ab etwa dem 25. Lebensjahr nimmt die körpereigene Produktion langsam ab. Dadurch verliert die Haut an Spannkraft, Gelenke werden anfälliger, das Bindegewebe schlaffer. Das klingt dramatisch und ist der perfekte Nährboden für eine Industrie, die einfache Lösungen verkauft. Die Annahme lautet: „Wenn der Körper weniger Kollagen bildet, fügen wir einfach neues zu.“ Doch so funktioniert menschlicher Stoffwechsel nicht.
Was passiert, wenn wir Kollagen trinken
Nehmen wir ein Glas Wasser mit 10 Gramm Pulver – das klassische Dosisversprechen vieler Marken. Sobald das Pulver im Magen ankommt, beginnen Verdauungsenzyme, die langen Eiweißketten in kleine Fragmente zu spalten. Am Ende bleiben Peptide und Aminosäure, die gleichen Bausteine, die auch aus einem Stück Hähnchen oder einer Schale Linsen stammen. Diese Bestandteile gelangen über die Darmwand ins Blut. Doch wohin sie dort gehen, bestimmt der Körper selbst. Er kann daraus Muskeln aufbauen, Enzyme herstellen oder Energie gewinnen. Ob die Aminosäuren tatsächlich wieder zu Haut-Kollagen zusammengesetzt werden, ist völlig unklar und bisher nirgends belegt. Einige Tierstudien zeigen, dass kleinste Peptidfragmente kurzzeitig im Blut nachweisbar sind. Aber: Sie verschwinden nach wenigen Stunden wieder, ohne nachweisbare Wirkung.
Warum die Begriffe so verwirren
Viele Menschen verwechseln „Kollagen“ mit „Kollagenpeptiden“. Kollagenpeptide sind bereits enzymatisch aufgespalten. Sie sollen laut Werbung „bioaktiv“ und „besser resorbierbar“ sein. Das stimmt teilweise: kleinere Peptide gelangen leichter durch die Darmwand. Doch „bioaktiv“ bedeutet nicht automatisch „zielgerichtet“ oder „verjüngend“.
Vergleich: Kollagen vs. Kollagenpeptid
Merkmal Kollagen Kollagenpeptid (Hydrolysat)
Struktur lange Proteinhelix enzymatisch zerkleinert
Aufnahme im Darm kaum möglich teilweise resorbierbar
Zielorgansteuerung keine keine
Klinische Evidenz keine schwach
Health Claims (EU) keine keine
Selbst wenn winzige Mengen intakter Peptide nachweisbar bleiben, ist unklar, ob sie überhaupt das Bindegewebe erreichen. Die Haut ist kein Schwamm, der von innen gefüttert werden kann.
Was die Körperchemie tatsächlich braucht
Für die körpereigene Kollagenbildung benötigt der Mensch Vitamin C, Kupfer, Zink und ausreichend Eiweiß. Diese Stoffe dienen als Katalysatoren und Rohmaterialien für die Synthese im Bindegewebe. Wer sich ausgewogen ernährt – mit Gemüse, Hülsenfrüchten, Vollkornprodukten und Fisch – liefert dem Körper alle Bausteine, die er braucht.
Ein zusätzliches Kollagenpräparat kann das nicht verbessern. Es ersetzt höchstens das Protein, das man auch über Lebensmittel aufnehmen würde. Anders gesagt: Der Effekt eines Kollagenpulvers ist biochemisch kaum unterscheidbar von dem einer eiweißreichen Mahlzeit.
Die Illusion des Schnellwegs
Der Erfolg von Kollagenpräparaten hat wenig mit Forschung zu tun und viel mit Psychologie. Sie geben uns das Gefühl, etwas aktiv gegen den Alterungsprozess zu tun. Eine Handlung, ein Ritual, ein sichtbares Produkt – das beruhigt. Aber es ersetzt keine wissenschaftliche Wirksamkeit. „Rituale tun gut – aber Rituale mit Eiweißpulver sind noch keine Therapie.“
Zwischenbilanz
Bewertungskriterium Einschätzung
Biologische Logik nachvollziehbar, aber zu einfach
Mechanismus im Körper unspezifisch (Verteilung der Aminosäuren beliebig)
Nachweisbare Wirkung keine belastbaren Humanstudien
Sicherheit / Nebenwirkungen grundsätzlich gut verträglich
Wissenschaftliche Evidenz schwach bis fehlend
Marketingwirkung sehr hoch
Fazit
Kollagenpräparate basieren auf einer charmanten, aber verkürzten Idee: Was verloren geht, kann man einfach ersetzen. Doch der menschliche Körper ist kein Reagenzglas. Er entscheidet selbst, wie er Nährstoffe nutzt – nicht nach Werbeversprechen, sondern nach Bedarf.
Die Wissenschaft zeigt keine Hinweise auf spektakuläre Effekte. Was sie zeigt, ist, dass wir es mit einem cleveren Markt zu tun haben: Biologie als Verkaufsargument.